Gedicht des Monats Mai

Dämmerung, April 2020

nach Alfred Lichtenstein

Ein dicker Junge spielt mit einem Teich.
Der Wind hat sich in einem Baum verfangen.
Die Menschen wirken plötzlich nicht mehr reich,
als wären alle Lampen abgehangen.

Die Schienen tragen leere Straßenbahnen.
Ein Mann steht maskenhaft vor einer Wand.
Im Bücherladen kann man Stille ahnen,
als wären die Romane schon bekannt.

Auf einem Gartentisch steht eine Vase,
wie wenn sie auf den Gruß der Tulpen hofft.
Am Fenster klebt noch eine Kindernase.
Ein Möwenschrei. Der Kirchturm schlägt zu oft.

Gedicht des Monats April

Verkehrt

Wenn der Mist auf dem Hahn sitzt
und die Nacht durch die Eule flitzt,
wenn die Stunde die Kirchturmuhr schlägt
und der Reiter sein Pferd trägt,
dann steht der Kopf auf der Welt
und das Gedicht im Hund bellt.

Gedicht des Monats März

Ein Hut

Ein Hut trat auf die Straße
mit großem Schwung und Mut,
trug einen Mann spazieren
und fand das fein und klug.
Der Hut schickt‘ ihn des Weges,
wie wenn er sein Rekrut,
beguckte sich die Gegend,
als säße er im Zug.

Gedicht des Monats Februar

Das Korn

Das Nashorn
trägt die Nase vorn.
Nicht ungewöhnlich.

Doch auf dem Nashorn-Horn
sitzt vorn ein Korn.
Echt tierisch dämlich.

Trotz Nashorn-Zorn
fällt’s Korn nicht ab da vorn vom Horn.
Der Reim klebt‘s fest persönlich.

Gedicht des Monats Januar

Nachtgesicht

Gegenüber brennt ein Licht.
Wer dort wohnt? Ich weiß es nicht.

Ob er zu mir rüberguckt,
mich entdeckt, zusammenzuckt?

So wie ich, wenn ich ihn sehe,
mich sofort vom Fenster drehe

und die Lampe schalte aus.
Schaut er trotzdem weiter raus?

Oder löscht auch er sein Licht,
malt sich aus mein Nachtgesicht?