Gedicht des Monats Februar

Das Korn

Das Nashorn
trägt die Nase vorn.
Nicht ungewöhnlich.

Doch auf dem Nashorn-Horn
sitzt vorn ein Korn.
Echt tierisch dämlich.

Trotz Nashorn-Zorn
fällt’s Korn nicht ab da vorn vom Horn.
Der Reim klebt‘s fest persönlich.

Gedicht des Monats Januar

Nachtgesicht

Gegenüber brennt ein Licht.
Wer dort wohnt? Ich weiß es nicht.

Ob er zu mir rüberguckt,
mich entdeckt, zusammenzuckt?

So wie ich, wenn ich ihn sehe,
mich sofort vom Fenster drehe

und die Lampe schalte aus.
Schaut er trotzdem weiter raus?

Oder löscht auch er sein Licht,
malt sich aus mein Nachtgesicht?

Ein Fundus neuer Gedichte für Kinder

 „Und jeden Morgen ein Gedicht“ hieß eine Empfehlung an angehende Lehrer, was man denn im Unterricht in der Grundschule mit Kindergedichten anfangen solle. „Lesen Sie zu Beginn jeder Deutschstunde ein Gedicht vor und ich garantiere Ihnen, dass die Kinder spätestens nach dem fünften Mal von sich aus das nächste Gedicht einfordern werden“, so hatte ich 2012 einem Studenten an der Uni Regensburg geantwortet. Nun ist an der Uni Siegen ein Buch als Weihnachtsgabe erschienen, das genau diesen Satz aufgreift und (angehenden) Lehrern neue Gedichte von zwölf heute schreibenden Dichtern vorstellt, um ihnen Material zum Vorlesen an die Hand zu geben. Als ich im Mai an der Siegener Uni war, um Studenten von meiner Arbeit als Lyriker und von der Wirkung der Gedichte auf Kinder zu erzählen. berichtete die Dozentin Jana Mikota, sie stelle immer wieder fest, dass Lehrer nicht wüssten, wo sie neue Gedichte finden sollen. So entstand am Abend nach der Veranstaltung die Idee zu dem Buch, das jetzt gerade erschienen ist und das wir zusammen mit Berbeli Wanning herausgegeben haben. Es enthält je sechs Gedichte der Autor(inn)en Michael Augustin, Michael Hammerschmid, Gerald Jatzek, Jan Koneffke, Susan Kreller, Matthias Kröner, Nils Mohl, Heike Nieder, Arne Rautenberg, Manfred Schlüter, Elisabeth Steinkellner und mir. Außerdem gibt es im Anhang viele Hinweise auf Bücher und Zeitschriften, in denen Gedichte der Autoren erschienen sind. Die Zeichnungen für das Buch hat die neunjährige Anna Brandes gemacht, die wie ich in München lebt.

Gedicht des Monats Dezember

Verkehrt

Wenn der Mist auf dem Hahn sitzt
und die Nacht durch die Eule flitzt,
wenn die Zeit die Uhr schlägt
und der Reiter sein Pferd trägt,
dann steht der Kopf auf der Welt
und das Gedicht im Hund bellt.

Zu Gast im Archiv für Kindertexte in Halle

Kinderzeichnung (Ausschnitt) aus dem Archiv für Kindertexte

In Halle an der Saale gibt es etwas Unglaubliches. Aus Anlass einer Einladung zu einem Vortrag über Kinderlyrik am Institut für Schulpädagogik und Grundschuldidaktik der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg führte mich Dozentin Alexandra Ritter auch in das Archiv für Kindertexte „Eva Maria Kohl“. Hier werden faszinierende Texte von Kindern gesammelt. Eva Maria Kohl hat seit den 1970er Jahren Handschriften und gedruckte Geschichten und Gedichte von Kindern aus aller Welt und in allen Sprachen zusammengetragen. Inzwischen wird das Archiv, das mehr als 120.000 Texte umfasst, von Professor Michael Ritter geleitet und didaktisch aufbereitet. Unter den wunderbaren Kindergedichten, die ich dort fand, entdeckte ich auch dieses von dem achtjährigen Paul: „Ich bin ein Affenbär. / Ich bin ein Junge. / Ich bin ich bin. / Ich bin Paul, weil ich / so lustige Gedichte schreibe.“ In der Schreibwerkstatt „Schreibspielwiese“ durfte ich dann mit Kindern Texte entwickeln, in denen Wörter vertauscht werden (s. auch mein Gedicht des Monats Dezember).