Gedicht des Monats November

Vom Kleinsein

Ein Stein
winziger als
ein Stecknadelkopf
sticht dich im Schuh

Du versuchst
ihn zu leugnen
zu verschieben
vom Fuß

Es hilft nichts
er weicht nicht
macht sich
nicht klein

Du kannst
nicht weiter
mit diesem
winzigen Stein

Größer wäre
er wirkungslos
käm nicht
in den Schuh

Fahnenlesen 2

Heute war wieder Fahnenlesetag. Diesmal keine Übersetzung, sondern mein neuer Gedichtband „Die Geschichte des Hasen endet im Topf“, der im Frühjahr 2021 beim Verlag Vorwerk8 in Berlin erscheint. Mein erster Gedichtband für Erwachsene seit vielen Jahren. Herausgeber Helmut Braun, der 1978 mein erster Verleger war und mir mit dem Buch „Windgedichte“ 1978 den Weg in die sichtbare Welt der Literatur öffnete – damals hatte er gerade seinen Verlag gegründet, in dem so namhafte Autoren wie Rose Ausländer, Christoph Meckel oder auch Edgar Hilsenrath publizierten –, meldete sich zu Anfang diesen Jahres und fragte, ob ich Lust hätte, meine Erwachsenengedichte, die ich seit 1975 geschrieben und publiziert habe, in einem Auswahlband neu zu versammeln und wieder öffentlich zu machen. Das ist natürlich eine riesige Verlockung, denn keines meiner Gedichtbücher ist heute mehr lieferbar. Und der Verlag Vorwerk8 macht unglaublich schöne Bände, für die er 2016 mit dem Förderpreis der Kurt-Wolff-Stiftung ausgezeichnet wurde. Die Gedichtreihe „Text & Metrik“ ist die jüngste Idee von Verleger Reinald Gußmann. Für sie hat er sich Helmut Braun als Herausgeber an die Seite geholt. Als erstes erschien 2019 der Band „Blau ist mein Hut“ von Therese Chromik, wunderschön in rotes Leinen gebunden, mit Lesebändchen, Fadenheftung und einem ausgefallenen Design der Innenseiten. Mit den Fahnen, die ich gerade gelesen habe (es sind übrigens auch einige neue Gedichte dabei), wird mein eigener Band auf einmal greifbar. Plötzlich ist das Gefühl da: Das Buch erscheint. Es braucht nicht mehr viel – außer ein wenig Geduld bis ins kommende Frühjahr. Bleibt noch die Frage, welche Leinenfarbe das Buch bekommen wird. Ich bin gespannt.

Fahnenlesen 1

Wenn die Korrekturfahnen aus dem Verlag kommen, erzeugt das immer ein bisschen Nervosität. Jetzt oder nie. Was man in der Fahne an Fehlern nicht findet, wird genauso falsch im fertigen Buch stehen. Und dabei geht es nicht nur um ein fehlendes oder zu viel gesetztes Komma, um einen Buchstabendreher oder irgendein Wort, das versehentlich bei der Lektoratskorrektur stehengeblieben ist. So ein nahezu endgültiger, abgesetzter Text liest sich anders als ein Manuskript. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht, weil der Text schon so endgültig daherkommt.

Vor ein paar Tagen erhielt ich die Fahnen zur Übersetzung des gereimten Kinderbuchs „The Truth Pixie“ des englischen Bestsellerautors Matt Haig. Bei dtv soll die deutsche Ausgabe im Herbst 2021 unter dem Titel „Das große Herz der kleinen Elfe“ erscheinen. Wegen Corona musste der Band leider um ein Jahr verschoben werden. Umso sehnlicher warte ich jetzt auf das Endprodukt.

Aber nun ging es erst mal darum, die Fahnen genau zu studieren, noch einmal die Melodie, das Metrum, den Rhythmus zu hören, ob nicht doch irgendwo etwas klappert und ob die Zeilen gut in und zwischen den wunderbaren Bildern von Chris Mould stehen, die für die deutsche Ausgabe übernommen wurden. Das ist ja immer so ein Problem: Passt der deutsche Text in das vorgegebene Feld oder die Sprechblase, die man schließlich nicht vergrößern kann, nur weil der deutsche Text länger läuft. Zum Glück habe ich in Katja Korintenberg die beste Lektorin, die man sich wünschen kann. Jetzt glauben wir beide, dass in der Fahne wirklich alles passt und das Buch eigentlich sofort gedruckt werden könnte. Aber das dauert leider noch.

Gedicht des Monats Oktober

Der Mann im Baum

Im Garten lebt im Baum ein Mann,
der wie Vögel fliegen kann.

Du sagst nein, das gibt es nicht,
der ist doch kein Leichtgewicht.

Du sagst, so ein Mann stürzt ab,
flügellahm und viel zu schlapp.

Bricht sich Kopf und Hals und Kragen!
Schade, denn an manchen Tagen,

wenn ich aufwach, halb im Traum,
fliegt er hoch in seinen Baum.

Würde gerne mit ihm tauschen,
wildem Blätterrauschen lauschen.

Jetzt auch bei Facebook

Nein, eigentlich wollte ich wegen Zuckerberg & Co. nie bei Facebook sein. Aber in der letzten Zeit liefen so viele Kinderlyrik-Sachen über die Social-Media-Schiene, dass ich zuletzt Angst hatte, an wichtigen Dingen vorbeizuschlittern. Herr Zuckerberg bleibt mir allerdings weiter unsympathisch, schon allein wegen seiner politischen Haltung. Außerdem ist mir jeder verdächtig, der sich die ganze Welt einverleiben will – mit allen Daten über Menschen, die er kriegen kann. Reich sein ist ja ganz schön, aber auf Kosten anderer, die man komplett „aushorcht“? Ich habe mich dem Herrn trotzdem ausgeliefert – allein meiner Leidenschaft für die Lyrik zuliebe.

P.S. Wer übrigens mal auf Facebook bei der Stadt Waldkraiburg nachschaut (14. September), der findet dort ein Interview mit Laura Depperschmidt, die für mein Buch MÄUSEKINO ein wunderschönes Gedicht geschrieben hat und außerdem gerade zwei Gedichte in der September-Ausgabe meiner Kinderlyrik-Reihe im Blog der Zeitschrift „Das Gedicht“ hat. In dem Interview erzählt Laura, wie wir uns kennengelernt haben und wie es zu ihrem Gedicht fürs MÄUSEKINO gekommen ist.